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16.03.2022

Das digitale Nomadentum

Digitale Nomaden nennt man Menschen, deren Arbeitsweise durch Ortsunabhängigkeit und das Arbeiten mit digitalen Mitteln und Technologien geprägt ist. Sie leben dabei in diversen Lebensrealitäten.

Viele sind Freelancer, Marketer, Software-Developer, Menschen in Ausbildung oder auch – in letzter Zeit vermehrt – Menschen in traditionellen Berufen, die man remote ausführen kann. Sie benötigen in der Regel nur Laptop, Internet und Strom, um ihren Beruf auszuüben. Weltweit gibt es Millionen solcher digitalen Nomaden. Die genaue Anzahl ist schwer einzugrenzen, da es einerseits an der Einsicht in die Lebensstile der meisten Menschen fehlt und andererseits eine genaue Definition davon, was als digitaler Nomade gilt, nicht eindeutig ist.

Am Bauernmarkt in Wien traf man auf sie: Ein Unternehmer aus Hong Kong, der seit drei Jahren nur mit Laptop und Trolley-Koffer durch die Welt tourt. Ein Marketingleiter eines Blockchain-Unternehmens, der alle zwei Monate seinen Aufenthaltsort spontan neu auswählt. Ein finnischer Anwalt mit Zulassung in zwei US-amerikanischen Bundesstaaten, der jedoch gerade in in Wien lebt und bald wieder weiter zieht. Die allermeisten seiner Mandanten hat er noch nie persönlich getroffen. 

Bevor die Pandemie uns in unsere Häuser und Wohnungen zurückdrängte, trafen sich Personen aus dem Fintech- und Blockchain-Umfeld wöchentlich am Bauernmarkt für ein Meetup, wo man Technologie, Startups und aktuelle Geschehnisse diskutierte. Hier konnte man überdurchschnittlich viele Menschen einer besonderen Sorte kennenlernen: Menschen, die hier nur auf der Durchreise und eigentlich nirgendwo wirklich zuhause sind: Digitale Nomaden.

Die Idee, theoretisch überall leben zu können, wo man möchte, und trotzdem regulär zu arbeiten und seinen Unterhalt zu bestreiten, ist eine faszinierende und eine, die gerade aktuell viele neue Anhänger findet. Statt einen täglichen Arbeitsweg zurückzulegen, um in einem Büroumfeld zu sitzen, leben digitale Nomaden meist dort, wo sie sich am wohlsten fühlen.

Die Staatenlosen

Politisch einzugrenzen sind die digitalen Nomaden nicht. Es gibt jedoch viele unter ihnen, die Freigeister, Nonkonformisten, Liberale/Libertäre oder einfach freiheitsliebende, selbstständige Persönlichkeiten sind. Einer der bekanntesten digitalen Nomaden aus dem deutschsprachigen Raum ist Christoph Heuermann. Er vertritt die Staatenlos-Bewegung, die sich lossagt von lokalem Beruf und Leben – dabei sehr häufig auch von Gesellschaft und Staat. Heuermann begann vor Abschluss seines Studiums, die Welt zu bereisen und als digitaler Unternehmer zu arbeiten. Mit 30 Jahren möchte er alle Länder der Welt bereist haben. Aktuell hat er über 180 Länder besucht. Unter den Reisedestinationen  finden sich auch Syrien oder Afghanistan – am häufigsten jedoch sonnige Orte.

Seine Motivation kommuniziert er deutlich: Er möchte möglichst wenig Steuern zahlen. Als „Tax Freedom Expert“ berät er seine Kunden weltweit, wie sie durch das digitale Nomadentum Steuervorteile erzielen oder welche Staaten für digitale Nomaden besonders attraktiv sind. Ohne festen Wohnsitz und mit kurzzeitigen Aufenthalten fallen diese durch einige Raster. Manche Staaten besteuern auch keine Auslandseinkommen. Deutscher Staatsbürger ist Heuermann weiterhin – seine Staatenlosigkeit beschreibt er als eine mentale Staatenlosigkeit. Den meisten digitalen Nomaden geht es jedoch nicht um den Aspekt der Steuerreduzierung, sondern um örtliche Unabhängigkeit, Lebensstil und Freiheit.

Digitale Nomaden sind nicht im Urlaub

Was wie entspanntes Arbeiten unter Palmen und neben Meeresrauschen klingt, ist aber meist nur die Idealvorstellung. Viele digitale Nomaden sind hoch spezialisiert und arbeiten hart für ihren Lebensstil. Es fordert Disziplin, Zeitmanagement und Eigenständigkeit. Ihr Lebenswandel ist mit entsprechenden Kosten verbunden und die Natur ihrer Berufe ist sehr oft nicht weniger stressgebunden als ein Bürojob in der Heimat. Dort hat man durch die Pandemie gelernt, dass Remote Work und Home Office für viele sehr gut funktionieren kann.

Home Office kann Arbeitsprozesse erschweren. Es kann jedoch auch Vorteile bringen und zu höherer Mitarbeiterzufriedenheit führen. Eine Studie des Karriereportals XING aus 2020 ergab, dass nur 49 % der Befragten sich in ihrem Beruf respektvoll behandelt fühlen, nur 46 % fühlen sich wertgeschätzt und ebenso nur jeder Zweite hat überhaupt Spaß an seiner Arbeit. Keine gute Ausgangslage. Dagegen berichten digitale Nomaden davon, dass sie eine hohe Lebensqualität genießen und strukturierter, selbstständiger und verantwortungsvoller arbeiten. Moderne digitale Hilfsmittel verringern Barrieren zwischen Menschen und würden die effiziente Zusammenarbeit bei dezentral ausgeführten Projekten fördern. Weltweit aufgeteilte Teams arbeiten mit modernen Mitteln sehr gut zusammen und erleben oft bessere Resultate, da die Arbeitsleistung hierbei mehr im Vordergrund stehen würde als der Büroalltag.

Durch die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir durch die Corona-Pandemie erleben, verändert sich der Arbeitsmarkt in vielen Ländern nachhaltig. Die Möglichkeiten, remote zu arbeiten, haben sich in kurzer Zeit massiv weiterentwickelt und sind gekommen, um zu bleiben. In den USA wird beispielsweise jeder fünfte Arbeitsplatz in den Bereichen Marketing, Medien und Design als „Work-From-Home“ Job ausgeschrieben. In den Bereichen Sales und Business Development ist es bereits jede vierte offene Stelle. Die Anzahl jener Menschen, die noch einen Schritt weiter gehen und als digitale Nomaden leben, wuchs in den USA von 4,8 Millionen Menschen im Jahr 2018 auf 15,5 Millionen in 2021 und hat sich so in der Pandemie-Zeiten mehr als verdreifacht. Gleichzeitig stieg dabei der Anteil der traditionellen Berufe, die nun von digitalen Nomaden ausgeübt werden.

Die große Resignation

Ein aktuell sehr interessant zu beobachtendes Phänomen ist die sogenannte Great Resignation (Große Resignation). Dieses lässt sich an der großen Steigerung der Anzahl der Personen messen, die während der Pandemie aus dem Arbeitsmarkt ausstiegen und anschließend nicht wieder zurückkehrten – obwohl der Arbeitsmarkt gerade sehr attraktiv ist. 

Menschen überdachten während der Pandemie-Situation ihre Karrieren, Arbeitsumstände und langfristigen Ziele. Ein besonders bei jüngeren Menschen beobachtbarer Grund hierfür ist schlicht und einfach, dass diese in ihrem Beruf unzufrieden sind. Primär betroffen sind jedoch Menschen im Alter von 30-45 Jahren, die sich in der Mitte ihrer Karriere befinden. Diese verzeichneten den größten relativen Anstieg an Resignationen.

Die Zahl der digitalen Nomaden steigt stark an, während die gleichzeitig große Resignation zu beobachten ist. Zu welchem Grad beides zusammenwirkt, lässt sich schwer sagen. Wir forschen derzeit noch zu den genauen Gründen und ob der Trend nachhaltig ist. Was sich jedoch eindeutig sagen lässt, ist, dass die fortschreitende Digitalisierung auf der anderen Seite immer vielseitigere und ausgeklügeltere Lösungen in immer mehr Bereichen ermöglicht und fördert. Beim Anstieg des digitalen Nomadentums könnte es sich um einen längerfristigen Trend handeln. Beruflich flexiblere Lebenspläne werden in immer zahlreicheren Bereichen ermöglicht.

Anders gesagt: Wir sind zu früh geboren, um das Weltall zu erkunden und zu spät geboren, um die Welt zu erkunden. Aber wir können ja überall auf der Welt arbeiten.

Mag. Lukas Leys, MSc BSc ist digitaler Unternehmer und Gründer des Legal-Tech Startups kontractory und der Kryptowährungstreuhand Validvent. Er lebt und arbeitet aktuell in Lissabon und plant, 2022 längere Zeit im Ausland zu verbringen und von dort aus zu arbeiten. Nächste geplante Station: Afrika oder Südamerika.

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Lukas Leys, MSc BSc

Founder & CEO

 

kontractory GmbH

A-1030 Wien, Zaunergasse 4-6 
T: +43 676 772 59 86
                                                                                                                                    

Bildquellen
Shutterstock, kontractory GmbH

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